Gefängnis

Durch Gitterstäbe aus klugen Worten
    schauen unsere Gefühle in die Welt
und hoffen vergebens auf Besuch
    von draußen.


(Erschienen 2002 in der Anthologie-Buchausgabe "Ausgewählte Werke V" der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte, München)




Er-Neu(t)e Wege

Spuren im Sand unseres Lebens -

 

      verwischt der Wind

 

mit jedem Atemzug

 

- und nichts erinnert mehr

 

     an die Schritte von gestern;

 

    unberührt liegt die Zeit

 

    vor unseren Füßen.


(Erschienen Frankfurter Bibliothek im "Jahrbuch für das Neue Gedicht" Verlag der Bretano-Gesellschaft 2006)




Ich

Ich bin nicht nur

 

       Geist

 

ich bin auch Körper

 

ich bin nicht nur

 

       Liebe

 

ich bin auch Haß

 

ich bin eben nicht nur

 

       Leben

 

ich bin auch der Tod.


(Erschienen 2007 in der Anthologie-Buchausgabe "Ausgewählte Werke X" der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte, München)




Ver-lust

Nur einmal
in der Unendlichkeit
endlich sein zu dürfen -
das Große abzustreifen
die Schwäche sanft zu streicheln
das Perfekte in die Ecke stellen
Vorstellungen nach meinem Namen nennen
der Kritik in den Hintern treten
das Lob liebevoll an die Hand zu nehmen
- um mir dann einmal tief in die Augen zu schaun: Nein, du bist kein Clown! Du bist kein Clown!


Erschienen in der Anthologie 2005 "Ausgewählte Werke VIII" der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte)




Höhen-Flüge

Wie ein Adler fliegen
    in das Leben rein
ohne Zeitgewänder
    alles sorglos - Frei

Lebensspuren sehen
    unten in der Welt
und so klar erkennen
    welcher Weg gefällt

Licht fällt in die Wälder
    Berge werden klein
goldne weite Felder
    grenzenloses Sein

Auf den Wellen gleiten
    die der Wind mir schickt
ganz nach oben treiben
    unbeschwertes Glück.


(Erschienen im "Jahrbuch Das Neue Gedicht" im Verlag der Brentano-Gesellschaft 2006 - Redaktion d. Frankfurter Bibliothek und in "Die besten Gedichte 2007/2008" im Frankfurter Literaturverlag GmbH)




Sucht-Liebe

Warmer Wind
streichelt sanft
über nackte Klippen
berührt die erhitzte Felsenhaut
mit seinen zärtlichen
Lippen.

Wild bewegt
taucht er geschwind
in tiefen Meeresstrom
verführt das feuchte Wasserreich
auf seinem stürmischen
Thron.

Erschöpft liebkost
sein Atem sacht
gefühlvoll befruchtete Triebe
küsst den weichen Erdenschoß
mit seiner nie endeten
Liebe.


(Erschienen im Lichtstrahlverlag, Gotha 2007 "Liebe in all ihren Facetten")




Sommer-Nachts Traum

Sommer-Nacht erscheint fraglos langsam
mit aufreizend wiegendem Gang
- graziös ihre Schritte
entsteht Unruhe unter ihren Blicken
    gelähmt ist das Licht aus ihrer Sicht.

Gekleidet stilvoll-elegant
in dunkelbetörendem Nachtgewand
- mit rauchiger Stimme
zerstört sie den Inhalt des sterbenden Tags
    und liegt doch selbst in gekühltem Sarkophag.

Singt betörend und leise
geheimnisvolle alte Weise
- zweifelhaft ihre Liebe
inmitten zwar nackter doch schlampiger Triebe
    beglückt sie sich mit arger List.

Verwehrt ängstlich aber gewandt
den Weg in das tiefere Schattenland
- schwach ihre Lüge
verflucht sie Gefühle auf entgleister Bahn
    stellt ihnen ein üppiges Sandmahnmal.

Versteckt sich eiligst sobald es dämmert
entflieht in Vater Tods mächtigen Zimmern
- zerpflückt ihr Sinn
spürt sie des Vaters beruhigende Hand
    und schläft überwältigt in seinem Arm.


(Erschienen in der Anthologie "Sternschnuppen der Poesie" des Arbeitskreises Dorstener Lyrik im Sommer 2008)




Für Dich

    Für dich küsste ich
    die Füße des Meeres
    und bestieg mit dir
    die Krone des Berges.

    Für dich besang ich
    das Trugbild der Maya
    und verdiente mit dir
    das Moos der Sahara.

    Für dich begoss ich
    die Zukunft mit Tränen
    und frohlockte mit dir
    im Strome der Lethe.

    Für dich pflückte ich
    die Liebe vom Baum
    und begrub mit dir
    unser Dasein im Traum.


(Preisträger 2008 in der Anthologie "Ausgewählte Werke XI" der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte, München)




AUSSTEIGEN

Vergessen -
das Gestern
mit seinen Trauerzypressen
und den Rückzugsmeldern
welche schambesessen
Angstgespinste keltern.

Vergessen -
das Morgen
mit den Kettenhostessen
bewacht von Gewaltforken
die bald wieder vermessen
Marionetten horten.

Vergessen -
die Feigheit
mit ihren Achtloskompressen
auf wackligem Holzbein
zwischen Krückstockmätressen
- um einst bei mir zu sein.


(Preisträger 2009 in der Anthologie "Ausgewählte Werke XII" der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte, München)




Sonnen-Flecken

Sonne verzehrt
mit flammender Zunge
knochiges Pflanzenreich
wälzt sich triebhaft erhitzt
in jedem kümmerlichen
Wasserteich.

Im Zenit brütend
am darben Mittagstisch
berauscht von gierig
lodernden Verlangen
vernascht sie kärgliches
Restgericht.

Selbst am Abend
im blutroten Gewand
verweigert sie unter
ungestümer Abwehr
ihren Abschied in den
Ruhestand.


(Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen Gedichts 2009 der Bretano-Gesellschaft Frankfurt/M. mbh)




Nur einen Augenblick

Ungeachtet verweht dieser Augenblick
kurz nur schlüpft er aus seinem Raglan
Zukunftsvisionen übersehen ihn blind
sie verfolgen längst einen anderen Plan.

STILL steht zwar groß auf windigem Wimpel
doch Umgeben von reger Geschäftigkeitssucht
allerorts Begegnung mit Richard Kimble
auf aussichtsloser chronischer Flucht.

An seiner Hand wird die Zeit zum Kinde
welches beflügelt Gestern und Morgen versiebt
für den Fortschritt ist das freilich schwere Sünde
und die Zeiger der Uhr haben den Moment verspielt.

JETZT steht auf des Augenblicks Lebensschild
Schicksalsfäden spinnt allein die Norne
offenbart ist nun der Sekunde Ewigkeitswink
erblüht sind Zeitrosen ohne Dornen.


(Veröffentlichung 2010 in der Anthologie-Buchausgabe "Ausgewählte Werke XIII"
der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte, München)



Junger Mann ....

Süß tropfte dein Kuss auf meine Lippen
verwischte alle Spuren der Angst
wir durften uns nicht wieder finden
nur du Seele, von seinem Becher trankst.

Bei Morpheus, wie suchte ich deine Hände
aber sie empfingen mich nicht mehr
ich lief jahrelang ohne Rücksicht auf Wände
durch den Ort allein, ich fand ihn leer.

Heut´ sitze ich an deinem Grabe
Du liegst nun in den Armen der Nyx
da flüstert es leise durch dünne Schale:
Schau auf meine Liebe, doch niemals zurück!


Gewidmet meiner Jugendliebe 1978


(Veröffentlichung in "Begegnungen die man nicht vergisst" im CODI-Verlag November 2010)




Der Pakt

Ich war ein stürmischer Bruder Wind
flog über manches Dachmeer beschwingt
streichelte die quirligen Quellen am Tag
und schüttelte am Abend die Graslaken glatt.

Ich hüpfte über alle Bergzipfel voll Lust
riss der Sonne hinweg den Wolkenfrust
entfachte heiße Glut in schlafender Nacht
und schlüpfte in jede Tornadotracht.

Ich schwang auf dem ganzen Erdball mein Bein
war zwischen all den Täubchen niemals allein
durchbrach letzte Grenzen, schoss über das Ziel
und das war´s gewesen, das war der Deal.


(Veröffentlichung 2011 in der Anthologie-Buchausgabe "Ausgewählte Werke XIV" der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte, München)




Das reine Element

In einer Träne ist verborgen
was das Auge nicht mehr sieht
was den Sinnen ist verloren
verschollen fern im Paradies.

In ihr erstrahlt das Ethiktief
zugleich erglüht das Hoffnungshoch
sei der Mensch betucht oder Dieb
Einstein oder einfach nur doof.

Vom Augquell´ bis zum Meer der Welt
bekehrt sie selbst die schwerste Last
tanzt mit der Freude um ihr Zelt
wäscht mit Eintracht jeden Kontrast.

Sie glänzt schimmernd in der Sonne
ist bei größter Kälte noch vital
eine Träne wiegt eine Tonne
und in ihr befreit sich das All.


(Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen Gedichts 2011 der Bretano-Gesellschaft Frankfurt/M. mbh)




Die Welt der Melancholie

Melancholie sitzt nicht begeistert
vor ihrem Heimsuchungsballett
jedwede Freud zu Asche scheitert
oder ist´s ein Stück aus Hamlet?

Melancholie bescheißt den Alltag
schwebt zwischen Einsicht und Demenz
wäre sie doch wenigstens Jeanne d´Arc
oder weilt hier Wermutpräsenz?

Melancholie verzockt die Liebe
hört Frédéric Chopin allein
führen Zähren hinab zur Wiege
oder ist´s der Lämmer Geschrei?

Melancholie mühsam verwaltet
ihre Gramwälzer im Schauderhain
einmal die Dichtung sie gespaltet
fällt die Frage: Nichtsein oder Sein?


(Veröffentlichung 2012 in der Anthologie-Buchausgabe "Ausgewählte Werke XV" der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte, München)




Auf der Schattenseite

Im Morgengrauen, durch leblos´ fahle Gassen kriecht geduckt ein wenig Licht um Häuser schleicht finsteres Verlassen und aus Fenstern dunkle Sicht. Straßen ohne Inhalt, leer gefegt und ausgebrannt unter greisen Wolkennachen ziehen tote Stunden ihren Bann über Mauerrachen. Hier keimt weder Laubbaum, noch Blütengesträusz das Klima ist rauchgeschwängert aus den Kellern schweres Kettengeseufz selbst der Wind geht bänger. Fortschritt?, es dauert in unbeugsamer Erde am Horizont nur müdes Hoffen denn der Schatten ist ein Scherge - trotzdem, die Seele ist aus anderen Stoffen!


(Veröffentlichung 2013 in der Anthologie-Buchausgabe "Ausgewählte Werke XVI" der Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte, München)




Es war einmal ...

Flügelschlag der Zeiten
kreisen über schweres Land
seufzende Trauerweide
verstummt der Ruf am Straßenrand.

Sternschnuppen zum Lohne
fallen in kalte Gräberflut
Totenstille steigt vom Dome
vertrocknet das atmende Blut.

Felsenfester Glaube
ergraut unter leuchtenden Mohn
sehnsuchtsvoll das Lied der Taufe
verweht ein letzter Glockenton.

Zum Gedenken an einen lieben Freund 2009


(Veröffentlichung 2013 in der Buchausgabe "Verrückt nach Leben - Sterben, Tod und Trauer in Würde" custos verlag, Solingen in Kooperation m. d. Palliativen Hospitz Solingen - PhoS e. V.)




Vom Stellenwert der Werte

Die Ehrlichkeit ist in Rente gegangen,
nachdem sie rhetorisch geschult wurde.


(Veröffentlichung Anthologie zum Aphorismenwettbewerb 2012 "Prinzipienreiter satteln nicht um." - Herausgeber P. Kamburg, F. Spicker, J. Wilbert)




Traumflügel

Im Gebälk der Phantasie
schlafen so viel Träume
in leichten Federn aus Poesie
verschmelzen alle Räume.

Umspielt von Ságas Symphonie
verweilen sie lieber im Norden
im Klang süßer Glücksmelodie
klappern die Spinnräder der Nornen.

Ein kühner Traum jedoch wird flügge
gebiert eigene Choreographie
pfeift auf alle anderen Stücke
und verwirklicht seine Phantasie.

(Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen Gedichts 2012 der Bretano-Gesellschaft Frankfurt/M. mbh)




Vor-verurteiltes Erbgut

Ein Keim lebt in mir
ungewollt kam er von dir
undenkbar ein Wir.

Der Keim ruht im Sand
Scham hat den Humus entmannt
geächtetes Pfand.

Vom Dunkel umfasst
das Helle hat ihn verprasst
sein Wesen verblasst.

Ist er nun gut oder schlecht?
Eher Glück oder Pech?
Vielmehr falsch oder echt?

Ein Keim weint in mir
noch im Sterben sagt er: "WIR"
nun lebt er in dir.

Verzeihe es mir!

(Veröffentlichung 2015 in der Anthologie-Buchausgabe "Ausgewählte Werke XVIII" der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte, München)




Aufwachen

Die Sonne begrüßt ohne Sorgen
den erwachten neuen Morgen
schickt Lichtfälle alsbald
in den noch verschlafenen Wald
und küsst den Tau
von Gras und Baum.

Berührt mit warmer Hand
die frierende Felsenwand
öffnet danach geschwind
wartendes Blütenkind
und weckt den Faun
aus seinem Traum.

Verwandelt mit glitzernder Fracht
des Bergzipfels weiße Tracht
malt beschwingt auf Feld und Flur
eine goldene Spur
und versetzt mit Gewicht
veraltete Sicht.

(Veröffentlichung 2016 in der Anthologie-Buchausgabe "Ausgewählte Werke XIX" der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte, München)



Die Gedichte und Aphorismen sind urheberrechtlich geschützt.

 

 

 

 

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